Von Andrea, ehrenamtliche Familienbegleiterin
Ich heiße Andrea und habe Zeit – Zeit, die ich mir nach meiner Pensionierung als Kriminalbeamtin nehme, um Menschen zu begleiten. Denn das war mir in all meinen beruflichen Stationen – ob als Krankenschwester, Polizistin, Mutter oder Großmutter – immer wichtig: der Mensch im Mittelpunkt.
Seit meinem Einstieg in die ehrenamtliche Hospizarbeit durfte ich zunächst drei erwachsene Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleiten. Alle drei hatten ein langes, erfülltes Leben. Doch nach und nach wuchs in mir der Wunsch, mich auch der Kinderhospizarbeit zu widmen. Ich las Bücher, sah Dokumentationen und absolvierte schließlich die Ausbildung zur Familienbegleiterin in unserem neuen Kinder- und Jugendhospizdienst, den wir im September 2025 ins Leben gerufen haben.
Kurz vor Abschluss des Kurses fragte mich unsere Koordinatorin, ob ich ein schwerkrankes Kind begleiten wolle – 2½ Jahre alt. Ich sagte sofort zu. Sie hatte die Familie bereits kennengelernt, und beim gemeinsamen Besuch begegnete mir ein fröhlicher kleiner Junge, den ich hier „Emil“ nennen möchte. Emil zeigte keine Berührungsängste und begann sofort mit mir zu spielen.
Seit dem 30. Juli 2024 besuche ich Emil wöchentlich für mehrere Stunden. Anfangs konnte er nicht sprechen, inzwischen sagt er erste Wörter – zu mir sagt er „Oma“. Das berührt mich sehr. Wir spielen, üben Zahlen und Wörter. Ich bin überzeugt: Emil ist klug, voller Lebensfreude und Wissensdurst.
Emil hat eine seltene angeborene Krankheit. Er muss alle drei Stunden medizinisch versorgt werden – seine Mutter übernimmt das mit beeindruckender Stärke. Sechsmal war Emil bereits in verschiedenen Kliniken, wurde operiert oder behandelt. Infektionen können für ihn lebensbedrohlich sein. Ich habe ihn und seine Mutter oft begleitet – wir haben Schönes erlebt, aber auch vieles, das mich wütend macht. Darüber will ich an dieser Stelle nicht sprechen.
Was mich besonders freut: Gemeinsam mit Emils Mutter arbeiten wir an einem Herzensprojekt – dem Kindergartenprojekt. Emil braucht Kinder um sich, soziale Kontakte. Eine Kita in Berlin hat Bereitschaft signalisiert, ihn aufzunehmen. Mit Unterstützung eines Kinderpflegedienstes könnte seine medizinische Versorgung auch dort sichergestellt werden. Vielleicht kann Emils Mutter dann wieder arbeiten – ein kleiner Schritt in Richtung Normalität.
Wenn ich Emil besuche, öffnet er mir lachend die Tür, nimmt meine Hand und führt mich ins Kinderzimmer. Diese Verbindung ist für mich etwas sehr Besonderes. Die Mutter hat in dieser Zeit Raum für sich – eine wichtige Entlastung im Alltag.
Die Begleitung von Emil und seiner Familie ist für mich mit großer Hochachtung, Wertschätzung und Liebe verbunden. Ich wünsche mir von Herzen, dass Emil groß wird, Freunde findet, zur Schule gehen kann und – so selbstständig wie möglich – leben darf. Momentan sieht es, trotz vieler Herausforderungen, ganz gut aus.
Über uns
Wir vom Ambulanten Hospizdienst Oberhavel begleiten seit 13 Jahren trauernde Kinder und Jugendliche. Seit dem Sommer 2024 sind 18 unserer Ehrenamtlichen zu Familienbegleitern ausgebildet. Unser neuer Kinder- und Jugendhospizdienst startete im September 2025 – aktuell begleiten wir sechs betroffene Kinder und Jugendliche mit ihren Familien.
