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Phasen der Trauer

 

Die Psychologin Verena Kast entwickelte durch die Beobachtung an Trauernden und vor allem durch die Betrachtung der Träume, die ihrer Ansicht nach den Trauerprozess einleiten und an welchen sie die Entwicklung im Trauerprozess abliest, ein Modell von Trauerphasen in Anlehnung an John Bowlby.

 

 

 

1. Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens

Die Nachricht des Todes löst bei dem Trauernden einen „Gefühlsschock“ aus. Der Verlust wird geleugnet, kann nicht realisiert werden und die eigenen Emotionen können nicht wahrgenommen werden.

 

Verhalten:

Die trauernde Person scheint empfindungslos und fühlt sich oft selbst „wie tot“. Die körperlichen Reaktionen können alle Symptome eines Schocks (schneller Pulsschlag, Schwitzen, Übelkeit, motorische Unruhe) sein.

 

Unterstützung:

Dem Trauernden Zeit geben, den Verlust für sich wahrzunehmen, keine Aktionen aufdrängen, das heißt Zuhören können, ohne Lösungen zu vermitteln. Bewusstes Abschiednehmen ermöglichen, wenn der Trauernde es wünscht, auch in Begleitung. Begleitung oder/ und Abnahme der anstehenden Formalitäten in Absprache. Sicherstellen der Versorgung ( z. B. Einkäufe, Kinderbetreuung) in Absprache. An dieser Stelle könnte auch eine Familienbetreuung in Anspruch genommen werden. Die Dauer dieser Phase kann von einigen Stunden bis zu etwa einer Woche andauern, im Falle eines plötzlichen Todes auch noch länger.

 

2. Die Phase der aufbrechenden Emotionen

In dieser Phase taucht der Trauernde in ein regelrechtes Gefühlschaos: Wut, Trauer, Angst, Zorn, Schmerz, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle, und vieles mehr stellen sich ein.

 

Verhalten:

Die Ohnmacht des Menschen angesichts des Todes kann nur schlecht eingesehen werden; es können Schuldgefühle auftreten, weil man befürchtet, nicht alles getan, etwas versäumt oder unterlassen zu haben, das den Tod hätte verhindern können. Oder es werden andere Menschen dessen beschuldigt. Welche Emotionen sich mischen oder überwiegen, hängt stark von der Persönlichkeit des Betroffenen ab, so reagieren z. B. Ängstliche mit Angst, Choleriker mit Zorn usw.

 

Unterstützung:

Diese Stimmungslabilität kann im Kontakt mit anderen schnell zur Schwierigkeit werden. Von einem Begleiter wird hier viel Geduld und Fingerspitzengefühl sowie ein gewisses Maß an Abgrenzung gefordert. Was heute noch o. k. war, kann morgen nicht mehr zutreffen. An Stelle von Fernbleiben oder Ignorieren sollten persönliche Verletzungen deshalb angesprochen werden. Die Wünsche und Bedürfnisse des Trauernden sollten wahr- und erstgenommen werden. Immer wieder fragen: „Was kann ich im Moment für Dich/ Sie tun?“

 

3. Die Phase des Suchens und Sich-Trennens

Beim Verlust eines geliebten Menschen suchen wir zum einen den realen Menschen und zum anderen Möglichkeiten, Teile der Beziehung zu erhalten. Eine innere Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen findet statt.

Dieses Suchen bereitet den Trauernden darauf vor, ein Weiterleben ohne den Verstorbenen zu akzeptieren, keineswegs aber ihn zu vergessen.

 

Verhalten:

Aufsuchen von Orten, die der Verstorbene mochte, in den Gesichtern anderer Menschen nach Zügen des Verstorbenen suchen, Übernehmen von Gewohnheiten des Verstorbenen, Erzählungen und Geschichten über den Verstorbenen kommunizieren, innere Zwiegespräche mit dem Verstorbenen

 

Unterstützung:

In dieser Phase können die Begleiter durch aktives Zuhören und die Begleitung an Orte der Erinnerung für den Trauernden da sein, wenn er es wünscht. Auch der Rückzug für eine Zeit der inneren Auseinandersetzung sollte akzeptiert werden. Dabei ist es hilfreich das momentane Bedürfnis des Trauernden zu erfragen.

 

 

letztes Blatt

 

4. Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs

Im Verlauf der vorhergegangenen Phasen wurden Wege gefunden, mit dem Verstorbenen positiv umzugehen. Er wird zu einer Art „innerer Figur“. Die Gedanken und Handlungen des Trauernden kreisen nicht mehr ausschließlich um den Verstorbenen. Es wird wieder möglich, das eigene Leben zu gestalten.

 

Verhalten:

Der Verstorbene wird als innerer Begleiter erlebt. Der Trauernde stellt sich die Frage, was der Verstorbene zu seinem Vorhaben gesagt hätte.) Er integriert Lebensmöglichkeiten, die zuvor an die gemeinsame Beziehung gebunden waren, in sein eigenes Leben (z. B. macht er eine Reise, die schon lange gemeinsam geplant war, alleine). Selbstvertrauen und Beziehungsfähigkeit wachsen, so dass neue Kontakte/ Beziehungen eingegangen und neue Lebensmuster entwickelt werden können, ohne dass der Verstorbene vergessen scheint.

 

Unterstützung:

In dieser Phase ist eine offene Haltung des Begleiters zu den neuen Lebensaktivitäten des Trauernden und seines Umgangs mit der Erinnerung an den Verstorbenen angemessen. In offenen Gesprächen sollten die individuellen Bedürfnisse des Trauernden im Vordergrund stehen.

 

Fazit:

Der Trauerprozess ist individuell verschieden und dauert unterschiedlich lange. Er verläuft nicht linear, d.h. verschiedene Phasen können sich abwechseln und vermischen. Die Art und Weise der Trauerarbeit und Trauerbewältigung hängt neben der Persönlichkeit des Trauernden auch von seiner Beziehung zu dem Verstorbenen und dessen Todesumständen ab. In allen Phasen kann es zu Schwierigkeiten kommen, die sich, wenn keine Unterstützung vorhanden ist, schnell manifestieren und ein Stagnieren des Trauerprozesses zur Folge haben können.

 

Literatur:

Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses von Verena Kast (1990).